Narrenfreiheit oder Vom Glück des Lesens Teil I

Lesen ist für mich Flucht und Bereicherung zugleich. Flucht, weil gute Bücher mitreißen mit schönen Weltentwürfen und gut durchdachten Erzählsträngen und die eigene Wirklichkeit vergessen lassen, sobald ich sie aufschlage. Bereicherung, weil es durch sie möglich ist, die eigene Vorstellungskraft anzureichern, andere Blickwinkel einzunehmen und manchmal Einblick zu erhalten in für mich selbst fremde Denkmuster, Verhaltensweisen, Lebensentwürfe und was sonst alles abgedeckt wird durch die unglaubliche Fülle an Literatur, die es zu erwerben gibt und die nicht einmal der ambitionierteste Leser bewältigen könnte, geschweige denn ich. Aber das ist auch gar nicht mein Ziel. Ich lese, was mich akut anlacht, nach Titel, Gestaltung und Klappentext. Und nach der ersten Seite. Die überfliege ich nämlich noch immer im Buchladen.

Ich freue mich jedes Mal, wenn ich aus der Überfülle an Literatur eine kleine Perle entdeckt habe. Diese besonderen Geschichten will ich euch hier nach und nach vorstellen. Das werden alte und neue, oft gelesene und sehr geliebte und gerade entdeckte Geschichten sein. Ich möchte euch hauptsächlich neugierig machen, darum wird es keine großartigen Inhaltszusammenfassungen geben – Spoiler sind schließlich der Tod eines jeden Lesevergnügens.

IMG_7959

Eine tote Königin. Ein dunkles Verlies. Und ein Hofnarr, der auf Rache sinnt…

Der Hofnarr Pocket trauert um seine geliebte Cordelia, Königin von England, die vor Kurzem einem mysteriösen Fieber erlag. Vor ihrem Tod hatte sie Pocket gebeten, nach Venedig zu reisen, um die Mächtigen der Stadt von einem Krieg abzuhalten. Pocket macht sich auf den Weg, aber als er in Venedig ankommt, muss er nicht nur erfahren, dass Cordelia Opfer eines Giftanschlags wurde, er wird auch noch bei lebendigem Leib in einen Keller eingemauert. Hinter alldem stecken der Senator Brabantio und der Kaufmann Antonio, die alles tun, um ihre Kriegspläne durchzusetzen. Pocket schwört Rache – wenn er sich erst einmal aus seinem Verlies befreien könnte…

Eine Geschichte über einen Hofnarr, der Gatte der Königin von England war und in Venedig einen Krieg verhindern muss? Klang abgedreht und definitiv nicht realistisch, aber nach einem Riesenspaß, und genau das war es auch. In einer sehr (sehr!) derben und sehr sehr lustigen Sprache, die sich bricht mit hochgestochenen, in ihrem Stil an klassische Dramen erinnernde Wortwechsel und Monologe, erzählt Pocket von seiner Rache an den geldgierigen, korrupten und generell nur auf ihre Vorteile bedachten Kaufmännern und Adeligen Venedigs. Lose eingebettet ist die Erzählung in den geschichtlichen Kontext des ausgehenden 13. Jahrhunderts. Sie schmilzt die Shakespeare-Dramen Othello, der Mohr von Venedig, Der Kaufmann von Venedig und Das Fass Amontillado von Edgar Allen Poe ein, vermischt sie und macht eine komplett neue Geschichte daraus. Wirklich amüsantest und man bekommt (trotz schrecklicher Erfahrungen mit Romeo und Julia zu Schulzeiten) beinahe Lust, die Dramen zu lesen, um die Verknüpfungspunkte, Erzählstränge und Personen wiederzufinden, die da narrenfrei durcheinandergewürfelt wurden. Aber nur beinahe. Die Wikipediazusammenfassung reicht eigentlich auch.

Christoph Moore: Der Schelm von Venedig, Goldmann Verlag. Mit Vor- und ausführlichem Nachwort 381 Seiten.

Eure Miriam

Advertisements

Ein Gedanke zu “Narrenfreiheit oder Vom Glück des Lesens Teil I

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s