Hoffnungsfieber oder Postkarten sind auch fast Briefe

Es gibt Bücher, die mich besonders berühren. Die mich, wenn die letzte Seite umgeschlagen und der Vorhang sozusagen geschlossen ist, mit einem klitzekleinen Gefühl der Traurigkeit zurücklassen. Zu gerne wäre ich dann noch intensiver in eine Geschichte eingetaucht und hätte die Atmosphäre noch länger genossen. Das sind Bücher wie besonders gute Schokolade. Selten, für mich persönlich kostbar und viel zu schnell weg. Dieses Gefühl zu hinterlassen schaffen nur wenige Bücher und das, das ich euch heute vorstelle, ist eines davon.

(Das Bild des Buches als Theaterbühne mit den Deckeln als Vorhang ist übrigens aus Cornelia Funkes Tintenherz – sehr einprägsam, wie ich finde. Und es gibt meine Empfindungen besonders bei Büchern, auf dich ich gespannt bin und die sich als kostbar erwiesen haben, ziemlich präzise wieder.)

Ich möchte gleich vorweg schicken: Dieses Buch basiert auf einer wahren Geschichte. Der ungarische Autor und Theaterregisseur Péter Gardós erzählt hier die Geschichte seiner Großeltern, die ihm seine Großmutter mit einem Bündel von Briefen vererbt hat.

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Sommer 1945. Der junge Ungar Miklós hat das Konzentrationslager überlebt und es nach Schweden geschafft, wo die Ärzte ihm nur sechs Monate zu leben geben. Doch Miklós hat andere Pläne: 117 Briefe schreibt er an junge Frauen aus seiner Heimatstadt. Eine dieser Frauen wird er heiraten, das hat er sich fest vorgenommen. Lili liest seinen Brief und beschließt, ihm zu antworten. Sie ist die Richtige, das weiß er. Jetzt müssen sie nur noch einen Weg finden, wie sie heiraten können – und Miklós darf nicht sterben.

Eine wunderbar zarte Liebesgeschichte entspinnt sich im Laufe der Handlung durch die Briefe, trotz und entgegen aller Schrecken des Krieges und der erlebten Grauenhaftigkeiten. Der Holocaust, dessen schwere Thematik manche abschrecken mag (aber definitiv ungerechtfertigt!), spielt trotz der zeitlichen Ansiedlung direkt nach dem zweiten Weltkrieg eine eher untergeordnete Rolle. Natürlich ist er bei solch einem Setting nicht zu verschweigen, doch der Fokus liegt auf dem Aufbruch, auf der Liebe, auf der Hoffnung, der unbedingten, fast verzweifelt lebensbejahenden Einstellung der Haupt- und Nebenfiguren und dem unerschütterlichen Glauben daran, dass sich alles zum Guten wenden wird. Trotz der Einflechtung etwa der schwierigen, oft vergeblichen Suche nach Verwandten und der Andeutung von Erlebnissen in den Konzentrationslagern durchzieht eine Leichtigkeit die Geschichte, die ich so nie erwartet hätte und die mich froh gestimmt hat. Und ein bisschen traurig, als es Zeit war, den Vorhang zu schließen.

Petér Gardós: Fieber am Morgen. Verlag Hoffmann und Campe. 2015. 254 Seiten.

Kleiner Gedanke zum Schluss:

Wir sollten viel mehr Briefe schreiben. Ihnen haftet in so vielen Büchern verloren geglaubte Erinnerung und Entdeckung an. Und wirklich, gibt es Romantischeres als einen Liebesbrief, den man nach vielen vielen Jahren wieder findet und sich zurückträumt in eine andere, eine jüngere Zeit? Briefe schreiben ist sich Zeit nehmen für den Empfänger und genaues Nachdenken über den Inhalt auf begrenztem Platz. Aus einer anderen, weniger digitalen Zeit.

Ich glaube, die klassische Funktion von Briefen als Austauschmittel gibt es heute fast nicht mehr. Als Kind habe ich einige Brieffreundschaften gepflegt – aber die sind nach und nach eingeschlafen und heute sehe ich keine Gelegenheit mehr dazu. Aber eine andere Form der ungezwungenen schriftlichen Kommunikation hat sich erhalten – die Postkarten. Die mag ich sehr gern. Den festen Karton und der meistens ein bisschen hingeworfene handschriftliche Gruß, der oft durch Briefmarken und fremdländische Stempel nur schwer zu lesen ist. Ich muss zugeben, ich schreibe nur deswegen welche, damit ich möglichst viele zurückbekomme. Die sammle ich in einer eigens dafür gekauften Postkartenkiste und nimm sie hin und wieder heraus, blättere sie durch und freue mich daran, von wem und woher schon Postkartengrüße ihren Weg zu mir gefunden haben. Ein Hauch von Glück –  Urlaub, Weltenbummlerei und die ferne Erinnerung an den Zauber von Brieffreundschaften.

Ich wünsche euch einen Blick für euer kleines Alltagsglück und auch sonst alles Gute dieser Welt!

Eure

Miriam

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