Kleine Unbekannte oder Krumau an der Moldau

Dobrý den, liebe Leser,

Obwohl ich gegenüber unseren (süd-)östlichen Nachbarn schon aufgeschlossener bin, nachdem ich letztes Jahr Urlaube in den slowenischen Alpen und Lljubljana verbracht habe und hingerissen war, hat mich Tschechien noch nie wirklich gereizt. Seit beinahe fünf Jahren wohne ich nun in Passau, und seitdem ich hier bin, bin ich bis zum vergangenen Himmelfahrts-Feiertag kein einziges Mal dort gewesen. Warum auch? Was kann man denn ansehen außer Prag, wo ich schon einmal war und das dann doch zu weit für einen Tagesausflug ist? Ich verrat euch was – das pittoreske, herausgeputzte Krumau zum Beispiel.

Die Route, die mein Freund herausgesucht hat, ist in Google mit 109km als die kürzeste angegeben, dauert aber am längsten. Da ich finde, dass viele Eindrücke verloren gehen, wenn man unterwegs nur sein endgültiges Ziel im Sinn hat, haben wir uns die Zeit genommen und sind auf kleinen Schleichwegen quer durch die Landschaft gefahren. Von Passau aus erst nach Hauzenberg und von da an nur noch durch Dörfer, von denen ich noch nie gehört habe und auf Straßen, die immer schmäler und rissiger wurden. Hinter Passau beginnt der Bayerische Wald, deswegen ist es dort auch schon hübsch, aber kaum waren wir über die Grenze zu Tschechien gefahren, wirkte die Natur wilder und unberührter, die kleinen Dörfer wie aus der Zeit gefallen. Die Wiesen waren mit Blumen übersät, hier und dort friedlich grasende Kuhherden, der Lipno-Stausee (ein beliebtes Campingziel im Sommer) glitzerte im Sonnenlicht. Ziemliche Postkartenidylle.

Krumau, zu tschechisch Czeský Krumlov (über das c gehört eigentlich noch ein kleiner Haken, aber das überfordert meine Tastatur) liegt an der Moldau, besser gesagt macht die Moldau zwei enge Schleifen und dort liegt das Städtchen eingebettet. Es hat eine wechselvolle Geschichte (wen es genauer interessiert, möge Wikipedia befragen, dort steht sehr ausführlich, welche Fürstenfamilie wie lange dort regiert hat und wie viele deutsch- und tschechischsprachige Bewohner in welchem Jahr dort gewohnt haben) und ist UNESCO-Welterbe. Warum, das deutet sich schon an, wenn man sich vom Parkleitsystem auf den Parkplatz 1 führen hat lassen, denn es begrüßt einen die Burg (das Schloss?) mit einer wunderhübschen, sehr hohen und mehrstöckigen Brücke.

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Dahinter, auf der anderen Seite des Burgbergs, liegt die Stadt an der Moldau. Schmucke, mittelalterlich anmutende Häuser schmiegen sich aneinander und gruppieren sich um kleine Plätze. Wenn man aufmerksam ist, kann man überall an den Häusern kunstvolle Schnitzereien entdecken.

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Über allem erhebt sich die Burg, die nach der in Prag die zweitgrößte Burganlage in Tschechien ist. Man kann sie auch besichtigen, wir haben uns aber dafür entschieden, einmal durch zu laufen (das kostet auch nichts), die Brücke aus der Nähe zu bewundern und den Ausblick von dort zu genießen.

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Natürlich ist auch das Kulinarische nicht zu kurz gekommen – man kann in der ganzen Stadt trotz der spürbaren Ausrichtung auf Tagestouristen günstig essen. Wir hatten Szegediner Gulasch mit böhmischen Hefeknödeln und als Nachspeise einen Trdelník mit Zimtzucker, bezahlt haben dafür mit Getränken und Trinkgeld insgesamt 16,50€. Ja, in Euro, man muss nicht wegen eines Tagesausflugs in Tschechische Kronen wechseln, was sehr praktisch ist.

Insgesamt kann ich nur sagen: Děkuji für das freundliche Empfangen und die vielen kleinen Glücke an diesem Tag, Krumau. Trotz der zahlreichen deutschen, österreichischen und japanischen Touristen – wer bin ich, mich darüber zu beschweren oder daran Anstoß zu nehmen, ich deutscher Tagestourist? Děkuji heißt übrigens „danke“ und man spricht es in etwa „jekuje“ aus. Der Kellner im Restaurant hat es mir geduldig drei Mal vorgesprochen, als ich ihn gefragt habe, wie man sich bedankt.

Für meinen nächsten Ausflug nach Tschechien bin ich also zumindest schon einmal dafür gerüstet, mich zu begrüßen und zu bedanken. Ich überlege schon, was ich noch sehen möchte von unserem kleinen unbekannten Nachbarn. Karlsbad? Budweis?

Ich wünsche euch alles kleine Glück.

Eure
Miriam

 

 

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