Japanisches Bohnenmus oder die Gabe meiner Oma

Ihr Lieben,

seit ich denken kann, bekomme ich von meiner Oma ein Buch zu Geburtstag und Weihnachten. Sie hat die Gabe, immer wieder kleine Schätze zu finden, die ich besonders mag und die genau meinen Geschmack treffen. Manchmal, wenn sie Bücher verschenkt, die auch sie interessieren, liest sie sie, noch bevor sie in Geschenkpapier liebevoll eingewickelt den Besitzer wechseln. Sehr behutsam, damit auch ja nicht zu viel Luft zwischen die Seiten gelangt und keine Knicke im Buchrücken sie verraten. Dann können wir, wenn ich die Geschichte ebenfalls zu Ende gelesen habe, über die Güte der Erzählung im Allgemeinen und die Sinnhaftigkeit der Handlung und die Figurenzeichnung im Besonderen diskutieren, was ich sehr schätze.

Hin und wieder empfiehlt mir meine Oma ein Buch außerhalb der alljährlichen Beschenkung und leiht mir gern etwas aus der umfangreichen Bibliothek, die meine Großeltern ihr Eigen nennen. So auch das Buch, das ich euch heute vorstellen möchte.

Kirschblüten und Rote Bohnen

Das Wunder der Freundschaft

Sentaro ist gescheitert. Er ist vorbestraft, er trinkt zu viel, und sein Traum, Schriftsteller zu werden, ist unerfüllt geblieben. Stattdessen arbeitet er in einem Imbiss, der Dorayaki verkauft: Pfannkuchen, die mit einem süßen Mus aus roten Bohnen gefüllt sind. Tag für Tag steht er in dem Laden mit dem Kirschbaum vor der Tür und bestreicht lustlos Gebäck mit Fertigpaste. Bis irgendwann die alte Tokue den Laden betritt. Die weise, aber sichtlich vom Leben gezeichnete Frau kocht die beste Bohnenpaste, die man sich nur denken kann. Auch deshalb verändert die Begegnung mit ihr alles, denn Tokue lernt Sentaro ihre Kunst. Wenig später wird Wakana, ein Mädchen aus schwierigen Verhältnissen, zur Stammkundin des Imbisses und schließt Freundschaft mit Tokue und Sentaro. Doch die Welt meint es nicht gut mit den beiden …

Durian Sukegawa erzählt von der Unnachgiebigkeit des Schicksals und der Möglichkeit des Glücks zugleich – ein federleichter und tröstlicher Roman voll großer Lebensweisheit.

 

Die Welt meint es nicht gut? Das ist nicht der Tenor der Geschichte, wie ich finde: Die Welt ist, wie sie ist. Manches hat man selbst in der Hand, viel mehr jedoch nicht. An dieser Erkenntnis kann man zerbrechen, wie es der Dorayaki-Verkäufer Sentaro mehrmals beinahe tut. Oder man versucht, in jeder Situation Hoffnung und ein kleines Glück zu finden und sein Stückchen Welt  nach Kräften mitzugestalten, wie es Tokue gelingt, die in einem Sanatorium für Leprakranke lebt und erst seit Aufhebung des Gesetzes zur Zwangsquarantäne wieder Kontakt zur Außenwelt haben darf. (Wen der menschenverachtende Umgang mit Leprakranken in Japan noch bis in die 1990er Jahre interessiert, dem sei dieser Artikel ans Herz gelegt). Tokue vermittelt Sentaro, dass jeder Mensch sein Päckchen zu tragen hat, dass für ein erfülltes Leben aber der Umgang damit entscheidend ist. Sie bringt ihn in großmütterlicher Weisheit dazu, über seinen Tellerrand hinauszusehen, andere wahrzunehmen, das Leben in all seinen Facetten anzunehmen und für sich eine Perspektive zu finden.

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So leichtfüßig und in solch einer klaren Sprache erzählt dieser kleine Roman von den Schwierigkeiten des Lebens. Dabei auch niemals melancholisch oder anklagend, sondern annehmend und versöhnlich. Und neben einem unerfreulichen Kapitel japanischer Geschichte erfährt man auch beiläufig etwas über japanische Alltagskultur und viel über japanisches Essen –  wie neugierig bin ich auf dieses Mus aus roten Bohnen! Ich hoffe sehr, dass ich irgendwann einmal die Gelegenheit dazu haben werde, es zu probieren. Vielleicht in einem kleinen Imbiss in Tokio, in den im Frühling die Kirschblüten wehen und der im Sommer vom ausladenden Grün eines Kirschbaums beschattet wird? Wer weiß, wo mich das Leben noch hinverschlägt …

Ich wünsche euch alles kleine Glück dieser Welt.

Eure Miriam

Das Buch: Durian Sukegawa (2013): Kirschblüten und rote Bohnen, Dumont Verlag, 219 Seiten.

 

 

 

Bananen-Dattel-Kuchen oder Bücher für den guten Zweck

Ihr Lieben,

erinnert ihr euch an den letzten Blogbeitrag? Die Buchrezension und meine Ankündigung, daraus ein Rezept vorzustellen, das mich überrascht und ziemlich überzeugt hat? In dem Bananen und Datteln und Haselnüsse eine Rolle spielen? Voilà, hier kommt es, mit – ihr habt es bestimmt schon erraten – Bananenkuchen. Und zwar dem lockersten und saftigsten Bananenkuchen, den ich jemals selbst gebacken habe.

Valerie (für alle, die den vorherigen Beitrag nicht gelesen haben: eine der Hauptfiguren,, eine begnadete Köchin) kündigt das Rezept an als schnell zusammengerührt, perfekt für Familien und Kindergeburtstage. Letzteres kann ich nicht beurteilen, aber schnell gemacht ist er auf jeden Fall. Und er kommt dazu noch ohne zusätzlichen Zucker aus, weil die Bananen und die Datteln mehr als genug eigene Süße haben. Außerdem ist er super saftig und locker – ich weiß, ich wiederhole mich, aber das ist wirklich wichtig für mich. Bei meinen letzten Banana Bread-Versuchen war ich nämlich nie ganz glücklich mit der Konsistenz, sie waren immer sehr fest, fast schon klatschig. Ich glaube, das Geheimnis ist, die Bananen nicht vollkommen zu Brei zu zermatschen, sondern nur so grob, dass neben Bananenmus noch Stücke bleiben. Die Rosinen im Teig kann man natürlich weglassen, wenn man nicht von der Rosinenliebhaberfraktion ist, zu der ich definitiv gehöre. Sie sind nicht essentiell für den Geschmack und die Süße.

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Bananen-Dattel-Kuchen nach Art der Valerie

Die Zutaten reichen für eine kleine Kastenform. Möchte man eine ganze Familie oder einen Kindergeburtstag versorgen, wie Valerie es vorschlägt, dann die Mengen am besten verdoppeln.

175g getrocknete Datteln der Länge nach halbieren und dann in Scheiben schneiden. 85g Weizenmehl, 40g gemahlene Haselnüsse, 2 Teelöffel Zimt, 2 Teelöffel Backpulver und eine Handvoll Rosinen mischen. Die Datteln unterheben. 2 sehr reife Bananen in einer Schüssel grob zerdrücken. 50g Butter zerlassen, zusammen mit einem Ei unter die Bananen rühren. Dann rasch mit den trockenen Zutaten vermischen.

In eine gefettete und bemehlte Kastenform füllen, mit gehobelten Mandeln bestreuen und bei 180°C Ober- und Unterhitze zwischen 40 und 50 Minuten backen.

 

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So gut der Kuchen ist, so zwiespältig bin ich, was die Qualität des Buches anbelangt. Ich habe schon seit Längerem beschlossen, mein übervolles Bücherregal auszusortieren und da wird „Valerie kocht“ ebenfalls dazugehören. Eigentlich würde ich gerne alle behalten und expandieren, aber das ist aus platztechnischen Gründen in meiner Wohnung nicht möglich. Also müssen nicht ganz so liebgewonnene Bücher raus und ich bin sehr froh, dass ich eine Möglichkeit gefunden habe, ihnen eine neue Heimat zu geben. Ich tue mich nämlich sehr schwer damit, Bücher einfach wegzuwerfen. Egal, wie wenig sie mir gefallen haben, Geschichten haben es nicht verdient, in der Mülltonne zu landen und mit zerfledderten Seiten und fleckigen Buchdeckeln in eine Müllverbrennungsanlage zu wandern.

Ich habe in Passau  einen kleinen Bücherladen entdeckt, der für einen guten Zweck Bücher aus zweiter Hand verkauft. Jeder kann dorthin spenden, die Bücher werden dann auf Qualität überprüft und wieder zum Verkauf angeboten. Das Besondere daran ist, dass man nur so viel für ein Buch zahlt, wie man möchte, wie man den Wert des Buches einschätzt. Die Einnahmen gehen an soziale und caritative Einrichtungen im Raum Passau. Ich finde, das ist eine sehr gute, unterstütztenswerte Idee und ich werde mich sehr bald mit einem Sack voll Bücher dort einfinden. Und hoffentlich mit weniger wieder herauskommen, als ich hingebracht habe.

Der Verein, der den Laden betreibt, nennt sich BookAid Passau. Er liegt in der Innstadt, genauer in der Schmiedgasse 16. Genauere Informationen über den Verein und seine Tätigkeiten findet ihr hierUnd für alle, die nicht in Passau wohnen: Die Initiative BookAid ist eine weltweit agierende mit Ursprung in Großbritannien. Ihr findet also bestimmt in allen kleineren und größeren Städten solche oder ähnliche Projekte.

Alles kleine Glück der Welt wünsche ich euch, diesmal mit einem guten Buch und einem Stückchen Kuchen.

Eure Miriam

 

 

Eine neue Rezension oder Fast ein Kochbuch

Ihr Lieben,

heute stelle ich euch ein Buch vor… nicht ganz so überschwänglich wie in den vorigen Rezensionen, aber auf jeden Fall empfehlenswert, wenn man das Kochen liebt und etwas zum Schmökern für einen Nachmittag in der Sonne sucht. Bevor ich darauf näher eingehe, hier erst mal Titel und Klappentext.

Valerie kocht

Vom Sinn des Lebens und der Sinnlichkeit des Kochens

Nell wächst in einer Welt der Phantasie auf: Springende Bockwürste sorgen für Chaos in der Küche, und ein Küchenunfall war schuld am Tod ihres Vaters. Das behauptet jedenfalls Valerie, Nells Mutter. Als Erwachsene distanziert sich Nell von Valerie, die versponnenen Geschichten bringen sie zur Weißglut. Erst als Valerie schwer erkrankt, kommen die ungleichen Frauen sich wieder näher. Ein letztes Mal versucht Nell, ihrer Mutter die Wahrheit über ihre Kindheit zu entlocken. Doch Valerie redet nicht – sie kocht. Und Nell begibt sich auf eigene Faust auf Spurensuche …

Ein bisschen stereotyp ist sie, diese Geschichte – der Freund von Nell ist ein knallharter, gefühlloser Analytiker, aber er sieht gut aus, hat viel Geld und ist eine allgemein gute Partie. Der junge, braungebrannte, ebenso gutaussehende Gärtner ist unvermeidlich gefühlvoll, Retter in der Not und am Ende (das kann ich euch verraten, ist eh von Anfang an klar) natürlich doch die bessere Partie. Die Mutter lebt so sehr in ihrer eigenen Welt, dass die Glaubwürdigkeit weit über grenzwertig ist und man möchte sie schütteln, damit sie endlich auch etwas anderes preisgibt als phantastische Geschichten – das alles hat mich dazwischen fast schon ein wenig geärgert. Aber das Ende, das ich euch hier natürlich nicht verraten werde, Spoiler sind schließlich allgemein verpönt, stimmt versöhnlich und hinterlässt ein warmes Gefühl. Trotz oder vielleicht auch gerade wegen der Vorhersehbarkeit des Plots. Alles in allem eine leichte Sommerlektüre, wenig anspruchsvoll und süß wie eine Praline.

Womit wir beim Thema wären: Ein riesiger Pluspunkt dieser Geschichte ist es, dass das Kochen und Backen so liebevoll und sprühend vor Ideenreichtum und Zuneigung dargestellt wird. Valerie kocht und backt sich durch das gesamte Buch, für alle Nachbarn, für ihre Tochter Nell und den Gärtner und zwar in so leuchtenden Farben, dass ich nicht umhin konnte, sofort den Backofen anzuwerfen, nachdem ich es fertig gelesen und beiseite gelegt hatte.

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Welches Rezept ich gebacken habe, verrate ich euch noch nicht – nur so viel: es ist aus dem Rezeptfundus von Valerie – und schmeckt genauso köstlich, saftig und süß, wie es im Buch beschrieben ist. Und es sind Bananen drin. Und Datteln. Und Haselnüsse. Aber jetzt hör ich auf zu spoilern. Das Wort kommt übrigens vom englischen „to spoil“ und bedeutet „verderben“. Wie passend!

Ich wünsche euch alles kleine und große Glück dieser Welt – vielleicht mit dieser kleinen Geschichte?

Eure Miriam

Zum Buch: Marie Goodin (2015): Valerie kocht, Rororo Verlag, 352 Seiten.

 

Märchenhafte Bösartigkeit oder Überlegungen zur Fantasy

Hallo ihr Lieben,

Ich habe hier schon einmal beschrieben, wie sehr ich das Lesen liebe und wie gerne ich mich in Geschichten entführen lasse. Prinzipiell besonders gern lass ich mich mitehmen auf Reisen durch erdachte, phantastische Welten. Vorausgesetzt, es ist eine konsistente, in sich schlüssige Welt und eine mitreißende Geschichte. Leider gibt es aber unheimlich viele unheimlich schlechte Fantasy-Romane, weswegen sich die Suche nach Perlen des Genres oft als ziemlich mühselig gestaltet. Zu oft wiederholen sich Handlungsstränge, Figurenzeichnungen, sogar die Anzahl der Teile einer Reihe scheint in irgendeinem geheimen Kodex (oder doch von Verlagen?) auf drei festgelegt zu sein. So vorhersehbare Geschichten langweilen mich und ich habe schon lange aufgehört, an so etwas meine Zeit zu verschwenden. Aber ich würde diesen Artikel nicht schreiben, wenn ich nicht doch einmal wieder fündig geworden wäre im Fantasy-Dschungel und ein Buch gefunden hätte, das ich euch wärmstens an’s Herz legen möchte.Gestoßen bin ich darauf ziemlich zufällig, als ich nach der Buchvorlage eines Films geschaut habe, dessen Trailer ich im Kino gesehen habe.

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Obwohl ich glaube, dass mir noch niemals ein uninformativerer Klappentext untergekommen ist, möchte ich euch ihn trotzdem nicht vorenthalten.

Nach dem Tod seiner Mutter flüchtet sich der zwölfjährige David in die Welt der Bücher. Schon bald merkt er, dass sich Realität und Phantasie vermischen. Es beginnt eine aufregende Reise an der Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit. Klug und spannend erzählt John Connolly eine Geschichte über die Kraft der Phantasie.

Der Junge David ist sehr unglücklich, als sein Vater einige Zeit nach dem Tod seiner Mutter eine neue Frau kennenlernt und mit ihr wieder eine Familie gründet. David ist voller Wut auf seinen kleinen Halbbruder und seine Stiefmutter und zieht sich immer mehr in sich selbst und die Welt seiner Bücher – alte Bücher voller geheimnisvoller Zeichnungen und magischer Geschichten – zurück. Bei einem Angriff der deutschen Luftwaffe (die Geschichte spielt im Jahr 1940 in England) flüchtet sich David in eine Baumhöhle am Ende des Gartens und findet sich unversehens in einer anderen Welt wieder. Es ist eine böse Welt, in der Ungeheuer und Halbwölfe lauern. Eine Jägerin erschafft Mischwesen aus Kindern und Tieren, um sie zu jagen. Ein dickes, lautes, unsympathisches Schneewittchen unterdrückt sieben zutiefst kommunistische Zwerge. David kann nur zurück, wenn er den König findet und von dem das Buch der verlorenen Dinge erhält. Noch weiß er nicht, dass der Trickser, der Krumme Mann, einen teuflischen Plan ausheckt, in dem er David die Hauptrolle zugewiesen hat.

Ohh, ich hoffe, ich habe nicht zu viel verraten. Diese Geschichte ist voll von bösem Ideenreichtum und merkwürdigen Gestalten. Verschiedene bekannte Märchen sind in die Erzählung mit eingewoben, enden aber nie so, wie man es kennt und erwarten würde. In seiner Erzählweise erinnert die Geschichte selbst an die Märchen, die ihr zugrunde liegen. Aber definitiv keines für Kinder: Teilweise hat mich das Buch in der düsteren Atmosphäre, den schrägen Einfälle und gruseligen Schauplätzen an die Filme von Tim Burton erinnert oder an die Filme Pans Labyrinth und Das Märchen der Märchen. Beides sind Märchen für Erwachsene, und ebenda kann man auch Das Buch der verlorenen Dinge einordnen.

Also, wenn ihr euch gern ein bisschen beim Lesen gruselt und euch gerne in andere Welten mitnehmen lasst (oder jemanden kennt, der das gerne tut und dem ihr noch etwas als Weihnachtsgeschenk sucht), dann sei euch dieses Buch an’s Herz gelegt.

John Connolly: Das Buch der verlorenen Dinge, 330 Seiten, erschienen im List Verlag im Jahr 2011.

 

Ich wünsche euch alles Gute dieser Welt!

Eure Miriam

 

 

Hoffnungsfieber oder Postkarten sind auch fast Briefe

Es gibt Bücher, die mich besonders berühren. Die mich, wenn die letzte Seite umgeschlagen und der Vorhang sozusagen geschlossen ist, mit einem klitzekleinen Gefühl der Traurigkeit zurücklassen. Zu gerne wäre ich dann noch intensiver in eine Geschichte eingetaucht und hätte die Atmosphäre noch länger genossen. Das sind Bücher wie besonders gute Schokolade. Selten, für mich persönlich kostbar und viel zu schnell weg. Dieses Gefühl zu hinterlassen schaffen nur wenige Bücher und das, das ich euch heute vorstelle, ist eines davon.

(Das Bild des Buches als Theaterbühne mit den Deckeln als Vorhang ist übrigens aus Cornelia Funkes Tintenherz – sehr einprägsam, wie ich finde. Und es gibt meine Empfindungen besonders bei Büchern, auf dich ich gespannt bin und die sich als kostbar erwiesen haben, ziemlich präzise wieder.)

Ich möchte gleich vorweg schicken: Dieses Buch basiert auf einer wahren Geschichte. Der ungarische Autor und Theaterregisseur Péter Gardós erzählt hier die Geschichte seiner Großeltern, die ihm seine Großmutter mit einem Bündel von Briefen vererbt hat.

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Sommer 1945. Der junge Ungar Miklós hat das Konzentrationslager überlebt und es nach Schweden geschafft, wo die Ärzte ihm nur sechs Monate zu leben geben. Doch Miklós hat andere Pläne: 117 Briefe schreibt er an junge Frauen aus seiner Heimatstadt. Eine dieser Frauen wird er heiraten, das hat er sich fest vorgenommen. Lili liest seinen Brief und beschließt, ihm zu antworten. Sie ist die Richtige, das weiß er. Jetzt müssen sie nur noch einen Weg finden, wie sie heiraten können – und Miklós darf nicht sterben.

Eine wunderbar zarte Liebesgeschichte entspinnt sich im Laufe der Handlung durch die Briefe, trotz und entgegen aller Schrecken des Krieges und der erlebten Grauenhaftigkeiten. Der Holocaust, dessen schwere Thematik manche abschrecken mag (aber definitiv ungerechtfertigt!), spielt trotz der zeitlichen Ansiedlung direkt nach dem zweiten Weltkrieg eine eher untergeordnete Rolle. Natürlich ist er bei solch einem Setting nicht zu verschweigen, doch der Fokus liegt auf dem Aufbruch, auf der Liebe, auf der Hoffnung, der unbedingten, fast verzweifelt lebensbejahenden Einstellung der Haupt- und Nebenfiguren und dem unerschütterlichen Glauben daran, dass sich alles zum Guten wenden wird. Trotz der Einflechtung etwa der schwierigen, oft vergeblichen Suche nach Verwandten und der Andeutung von Erlebnissen in den Konzentrationslagern durchzieht eine Leichtigkeit die Geschichte, die ich so nie erwartet hätte und die mich froh gestimmt hat. Und ein bisschen traurig, als es Zeit war, den Vorhang zu schließen.

Petér Gardós: Fieber am Morgen. Verlag Hoffmann und Campe. 2015. 254 Seiten.

Kleiner Gedanke zum Schluss:

Wir sollten viel mehr Briefe schreiben. Ihnen haftet in so vielen Büchern verloren geglaubte Erinnerung und Entdeckung an. Und wirklich, gibt es Romantischeres als einen Liebesbrief, den man nach vielen vielen Jahren wieder findet und sich zurückträumt in eine andere, eine jüngere Zeit? Briefe schreiben ist sich Zeit nehmen für den Empfänger und genaues Nachdenken über den Inhalt auf begrenztem Platz. Aus einer anderen, weniger digitalen Zeit.

Ich glaube, die klassische Funktion von Briefen als Austauschmittel gibt es heute fast nicht mehr. Als Kind habe ich einige Brieffreundschaften gepflegt – aber die sind nach und nach eingeschlafen und heute sehe ich keine Gelegenheit mehr dazu. Aber eine andere Form der ungezwungenen schriftlichen Kommunikation hat sich erhalten – die Postkarten. Die mag ich sehr gern. Den festen Karton und der meistens ein bisschen hingeworfene handschriftliche Gruß, der oft durch Briefmarken und fremdländische Stempel nur schwer zu lesen ist. Ich muss zugeben, ich schreibe nur deswegen welche, damit ich möglichst viele zurückbekomme. Die sammle ich in einer eigens dafür gekauften Postkartenkiste und nimm sie hin und wieder heraus, blättere sie durch und freue mich daran, von wem und woher schon Postkartengrüße ihren Weg zu mir gefunden haben. Ein Hauch von Glück –  Urlaub, Weltenbummlerei und die ferne Erinnerung an den Zauber von Brieffreundschaften.

Ich wünsche euch einen Blick für euer kleines Alltagsglück und auch sonst alles Gute dieser Welt!

Eure

Miriam

Narrenfreiheit oder Vom Glück des Lesens Teil I

Lesen ist für mich Flucht und Bereicherung zugleich. Flucht, weil gute Bücher mitreißen mit schönen Weltentwürfen und gut durchdachten Erzählsträngen und die eigene Wirklichkeit vergessen lassen, sobald ich sie aufschlage. Bereicherung, weil es durch sie möglich ist, die eigene Vorstellungskraft anzureichern, andere Blickwinkel einzunehmen und manchmal Einblick zu erhalten in für mich selbst fremde Denkmuster, Verhaltensweisen, Lebensentwürfe und was sonst alles abgedeckt wird durch die unglaubliche Fülle an Literatur, die es zu erwerben gibt und die nicht einmal der ambitionierteste Leser bewältigen könnte, geschweige denn ich. Aber das ist auch gar nicht mein Ziel. Ich lese, was mich akut anlacht, nach Titel, Gestaltung und Klappentext. Und nach der ersten Seite. Die überfliege ich nämlich noch immer im Buchladen.

Ich freue mich jedes Mal, wenn ich aus der Überfülle an Literatur eine kleine Perle entdeckt habe. Diese besonderen Geschichten will ich euch hier nach und nach vorstellen. Das werden alte und neue, oft gelesene und sehr geliebte und gerade entdeckte Geschichten sein. Ich möchte euch hauptsächlich neugierig machen, darum wird es keine großartigen Inhaltszusammenfassungen geben – Spoiler sind schließlich der Tod eines jeden Lesevergnügens.

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Eine tote Königin. Ein dunkles Verlies. Und ein Hofnarr, der auf Rache sinnt…

Der Hofnarr Pocket trauert um seine geliebte Cordelia, Königin von England, die vor Kurzem einem mysteriösen Fieber erlag. Vor ihrem Tod hatte sie Pocket gebeten, nach Venedig zu reisen, um die Mächtigen der Stadt von einem Krieg abzuhalten. Pocket macht sich auf den Weg, aber als er in Venedig ankommt, muss er nicht nur erfahren, dass Cordelia Opfer eines Giftanschlags wurde, er wird auch noch bei lebendigem Leib in einen Keller eingemauert. Hinter alldem stecken der Senator Brabantio und der Kaufmann Antonio, die alles tun, um ihre Kriegspläne durchzusetzen. Pocket schwört Rache – wenn er sich erst einmal aus seinem Verlies befreien könnte…

Eine Geschichte über einen Hofnarr, der Gatte der Königin von England war und in Venedig einen Krieg verhindern muss? Klang abgedreht und definitiv nicht realistisch, aber nach einem Riesenspaß, und genau das war es auch. In einer sehr (sehr!) derben und sehr sehr lustigen Sprache, die sich bricht mit hochgestochenen, in ihrem Stil an klassische Dramen erinnernde Wortwechsel und Monologe, erzählt Pocket von seiner Rache an den geldgierigen, korrupten und generell nur auf ihre Vorteile bedachten Kaufmännern und Adeligen Venedigs. Lose eingebettet ist die Erzählung in den geschichtlichen Kontext des ausgehenden 13. Jahrhunderts. Sie schmilzt die Shakespeare-Dramen Othello, der Mohr von Venedig, Der Kaufmann von Venedig und Das Fass Amontillado von Edgar Allen Poe ein, vermischt sie und macht eine komplett neue Geschichte daraus. Wirklich amüsantest und man bekommt (trotz schrecklicher Erfahrungen mit Romeo und Julia zu Schulzeiten) beinahe Lust, die Dramen zu lesen, um die Verknüpfungspunkte, Erzählstränge und Personen wiederzufinden, die da narrenfrei durcheinandergewürfelt wurden. Aber nur beinahe. Die Wikipediazusammenfassung reicht eigentlich auch.

Christoph Moore: Der Schelm von Venedig, Goldmann Verlag. Mit Vor- und ausführlichem Nachwort 381 Seiten.

Eure Miriam