Japanisches Bohnenmus oder die Gabe meiner Oma

Ihr Lieben,

seit ich denken kann, bekomme ich von meiner Oma ein Buch zu Geburtstag und Weihnachten. Sie hat die Gabe, immer wieder kleine Schätze zu finden, die ich besonders mag und die genau meinen Geschmack treffen. Manchmal, wenn sie Bücher verschenkt, die auch sie interessieren, liest sie sie, noch bevor sie in Geschenkpapier liebevoll eingewickelt den Besitzer wechseln. Sehr behutsam, damit auch ja nicht zu viel Luft zwischen die Seiten gelangt und keine Knicke im Buchrücken sie verraten. Dann können wir, wenn ich die Geschichte ebenfalls zu Ende gelesen habe, über die Güte der Erzählung im Allgemeinen und die Sinnhaftigkeit der Handlung und die Figurenzeichnung im Besonderen diskutieren, was ich sehr schätze.

Hin und wieder empfiehlt mir meine Oma ein Buch außerhalb der alljährlichen Beschenkung und leiht mir gern etwas aus der umfangreichen Bibliothek, die meine Großeltern ihr Eigen nennen. So auch das Buch, das ich euch heute vorstellen möchte.

Kirschblüten und Rote Bohnen

Das Wunder der Freundschaft

Sentaro ist gescheitert. Er ist vorbestraft, er trinkt zu viel, und sein Traum, Schriftsteller zu werden, ist unerfüllt geblieben. Stattdessen arbeitet er in einem Imbiss, der Dorayaki verkauft: Pfannkuchen, die mit einem süßen Mus aus roten Bohnen gefüllt sind. Tag für Tag steht er in dem Laden mit dem Kirschbaum vor der Tür und bestreicht lustlos Gebäck mit Fertigpaste. Bis irgendwann die alte Tokue den Laden betritt. Die weise, aber sichtlich vom Leben gezeichnete Frau kocht die beste Bohnenpaste, die man sich nur denken kann. Auch deshalb verändert die Begegnung mit ihr alles, denn Tokue lernt Sentaro ihre Kunst. Wenig später wird Wakana, ein Mädchen aus schwierigen Verhältnissen, zur Stammkundin des Imbisses und schließt Freundschaft mit Tokue und Sentaro. Doch die Welt meint es nicht gut mit den beiden …

Durian Sukegawa erzählt von der Unnachgiebigkeit des Schicksals und der Möglichkeit des Glücks zugleich – ein federleichter und tröstlicher Roman voll großer Lebensweisheit.

 

Die Welt meint es nicht gut? Das ist nicht der Tenor der Geschichte, wie ich finde: Die Welt ist, wie sie ist. Manches hat man selbst in der Hand, viel mehr jedoch nicht. An dieser Erkenntnis kann man zerbrechen, wie es der Dorayaki-Verkäufer Sentaro mehrmals beinahe tut. Oder man versucht, in jeder Situation Hoffnung und ein kleines Glück zu finden und sein Stückchen Welt  nach Kräften mitzugestalten, wie es Tokue gelingt, die in einem Sanatorium für Leprakranke lebt und erst seit Aufhebung des Gesetzes zur Zwangsquarantäne wieder Kontakt zur Außenwelt haben darf. (Wen der menschenverachtende Umgang mit Leprakranken in Japan noch bis in die 1990er Jahre interessiert, dem sei dieser Artikel ans Herz gelegt). Tokue vermittelt Sentaro, dass jeder Mensch sein Päckchen zu tragen hat, dass für ein erfülltes Leben aber der Umgang damit entscheidend ist. Sie bringt ihn in großmütterlicher Weisheit dazu, über seinen Tellerrand hinauszusehen, andere wahrzunehmen, das Leben in all seinen Facetten anzunehmen und für sich eine Perspektive zu finden.

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So leichtfüßig und in solch einer klaren Sprache erzählt dieser kleine Roman von den Schwierigkeiten des Lebens. Dabei auch niemals melancholisch oder anklagend, sondern annehmend und versöhnlich. Und neben einem unerfreulichen Kapitel japanischer Geschichte erfährt man auch beiläufig etwas über japanische Alltagskultur und viel über japanisches Essen –  wie neugierig bin ich auf dieses Mus aus roten Bohnen! Ich hoffe sehr, dass ich irgendwann einmal die Gelegenheit dazu haben werde, es zu probieren. Vielleicht in einem kleinen Imbiss in Tokio, in den im Frühling die Kirschblüten wehen und der im Sommer vom ausladenden Grün eines Kirschbaums beschattet wird? Wer weiß, wo mich das Leben noch hinverschlägt …

Ich wünsche euch alles kleine Glück dieser Welt.

Eure Miriam

Das Buch: Durian Sukegawa (2013): Kirschblüten und rote Bohnen, Dumont Verlag, 219 Seiten.

 

 

 

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Puglia oder Wer hätte das gedacht?

Inzwischen war ich schon so oft in Italien im Urlaub, dass ich dachte, ich hätte alles gesehen. Was natürlich Quatsch ist, aber es gibt einen ziemlich großen gemeinsamen Nenner, der norditalienische Städte und Landschaften vereint. Korrigiert mich gerne, wenn ihr anderer Meinung seid. Aus diesem Grund bedurfte es großer und ausgefeilter Redekunst, mich davon zu überzeugen, erneut die Fahrt über den Brenner anzutreten. Schließlich habe ich zugestimmt – unter der Bedingung, dass nächstes Jahr ich das Reiseziel aussuchen darf (es schwebt mir so etwas wie Skandinavien, Irland oder Schottland vor, mal sehen) und dass wir irgendwo hin fahren, wo ich noch nie war. Ergo in den Süden. Südlicher als Rom und Neapel. Der allertiefste Süden sozusagen. Konkret Apulien, der Stiefelabsatz. Noch konkreter der Gargano, der Stiefelsporn. Also nicht der ganz tiefe Süden, aber schon fast.

Eine Woche für insgesamt 2400 km. Zu dritt zusammen mit dem alten, knallgrünem VW-Bus meiner Familie, der schon fast 300.000 Kilometer und viele Reisen quer durch Euorpa mitgemacht hat und sich immer noch bereitwillig bis oben hin mit Campingausrüstung volladen lässt und uns geduldig durch Hitze und Kälte, Berge und Täler, Wälder und Meer kutschiert. Der für uns Fortbewegungsmittel und ein Stück Heimat zugleich ist.

Apulien war zur Zeit Friedrich II. ein wichtiger Knotenpunkt für den Handel und strategisch bedeutend für die Organisation der Kreuzzüge. Deswegen sind viele Städte um ehemalige Kastelle, also Befestigungen entstanden. So auch die Städte im Gargano wie  Peschici und Vieste. Diese beiden Orte waren das eigentliche Ziel unserer Reise. Da wir nur fünf Nächte zur Verfügung hatten, hatten wir nicht die Gelegenheit, den Stiefelsporn bis ins letzte Detail zu erkunden… aber dafür bleibt umso mehr für das nächste Mal, das es sicherlich geben wird. Nach den Bildern, die jetzt folgen, werdet ihr bestimmt verstehen, wieso ich ein bisschen mein Herz verloren habe.

Vieste hat ungefähr 13.000 Einwohner und liegt auf einem Felsvorsprung, der weit ins Meer ragt. Das macht die Altstadt besonders malerisch. Wir waren zur Mittagszeit dort, weshalb die kleinen, verwinkelten Gassen wie ausgestorben waren. Möchte man das Leben pulsieren fühlen, dann lieber am Vor- oder späten Nachmittag durch die Straßen streifen. In der Stadt hinter dem Felssporn (auf dem Festland sozusagen) kann man wunderbar und gar nicht teuer essen gehen. Unbedingt paposcie probieren, das sind für diese Region typische Teigfladen, die im Holzofen gebacken, ähnlich wie Pita der Länge nach geteilt und dann gefüllt werden. Zum Beispiel mit Thunfisch, Kapern und gegrillten Paprika, in Olivenöl eingelegtem Gemüse oder luftgetrocknetem Schinken und Rucola. Die Variatonen sind ungefähr so zahlreich wie bei Pizza und mindestens genau so lecker. Und die Bezeichnung pizza rolls, also Pizza-Semmeln, die ich in der englischen Beschreibung einer Restaurantkarte gelesen habe, trifft es ganz und gar nicht!

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Die drei vorgehenden Bilder zeigen die Altstadt auf dem Felsvorsprung. Jetzt kommen noch ein paar zur Stadt hinter der Altstadt, in der sich Bars und Restaurants und Souvenirshops aneinanderreihen – außer zur Siesta-Zeit sehr lebendig.

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IMG_8591Wer wohl diese sehr farbenfrohen Liköre mit sehr spannenden Namen trinkt?

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Zwanzig Kilometer nördlich von Vieste entlang einer kurven- und aussichtsreichen Küstenstraße liegt der Ort Peschici. Mit 6000 Einwohnern nur halb so groß wie Vieste, kommt er auch nicht so herausgeputzt daher. Noch quirliger und lebendiger liegt die kleine Ortschaft auf einem Felsen hoch über dem Meer und lädt den Besucher ein, auf eng an den Berg geschmiegten Gassen durch die teils orientalisch anmutende, labyrinthartige Altstadt zu stromern.

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Mittags aßen wir in einem (studentenfreundlich günstigen) Restaurant mit herrlicher Aussicht über die Stadt und die Bucht – Pizza gab es leider erst am Abend, also doch Bruschetta und gegrilltes Gemüse mit Brot und Oliven. Dann haben wir uns in einer Pasticceria zur Nachspeise eine sfoglia riccia geholt, das ist eine Blätterteigtasche in Form einer Muschel, die mit einer Creme aus Ricotta und Weichweizengrieß gefüllt ist. Gewürzt wird sie mit Orangenschalen, Zimt und Vanille und schmeckt genauso herrlich, wie sie aussieht.

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Überall in den Reiseführern wird neben den sehenswerten Städtchen und die durch ihre vielen großen und kleinen Buchten beeindruckende Küste, die man auch mit Booten vom Wasser aus erkunden kann, die foresta umbra gelobt, der dunkle Wald. Das ist ein großer Nationalpark, der sich durch das ganze bergige Landesinnere zieht. Auf dem Rückweg sind wir ungefähr 30 der 70 km, die man zur Autobahn zurücklegen muss, durch den Wald gekurvt, in dem die weit ausgespannten Kronen der Bäume für einen angenehme Kühle sorgen. Kühe weiden dort frei – man muss aufpassen, dass man keine überfährt – und üherall an der Straße sind Picknickoasen eingerichtet. Nächstes Mal wird da auf jeden Fall gewandert. Und für den Überblick gibts abschließend noch ein Foto  – damit der Unterschied zwischen der schroffen, teilweise sehr kargen und steil abfallenden Küste und dem weichen und saftig grün bewachsenen Landesinneren deutlich wird. Und die restlichen 40km gings durch Olivenplantagen, die im Wind silbern wogten, was wunderschön aussieht. Außerdem kann man dort Olivenöl direkt vom Erzeuger kaufen.

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Ich bin verzaubert von diesem Teil Italiens, den ich bisher so gar nicht auf dem Schirm hatte. Trotz der kurzen Zeit, die wir dort waren. Beim nächsten Mal… auf jeden Fall länger und noch weiter in den Süden. Auf dass dort noch mehr Momente riesengroßen Glückes auf mich warten.

Alles Gute dieser Welt wünscht euch

Miriam